Warum verletzen Menschen sich selbst?
- Andreas Reinhard
- 15. Juni 2025
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 16. Juni 2025
Menschen, die sich selbst verletzen, tun das nicht ohne Grund. Hinter dem Verhalten steckt fast immer ein starker innerer Druck oder seelisches Leid.
Die Selbstverletzung ist für viele eine Art, mit schwierigen Gefühlszuständen umzugehen, wenn andere Wege nicht (mehr) ausreichen. Sie erfüllt psychisch gesehen eine bestimmte Funktion – auch wenn sie für Aussenstehende oft erschreckend oder unverständlich wirkt.
Ein häufiger Grund ist der Abbau von innerer Anspannung oder belastenden Gefühlen wie Wut, Angst, Scham oder Traurigkeit. Viele Betroffene berichten, dass die Selbstverletzung ihnen hilft, sich für einen Moment zu beruhigen oder wieder etwas zu spüren – besonders wenn sie sich vorher leer, taub oder wie „nicht richtig da“ gefühlt haben (sogenannte Dissoziation).
In solchen Situationen dient das Verhalten oft dazu, wieder Kontrolle über den eigenen Körper und das eigene Erleben zu gewinnen.
Manche Menschen verletzen sich aus einem starken Bedürfnis heraus, sich selbst zu bestrafen – zum Beispiel, weil sie sich als „schlecht“, „wertlos“ oder „schuldhaft“ empfinden. Für andere ist die Selbstverletzung ein Hilferuf an die Umwelt, wenn sie nicht mehr weiterwissen und keine Worte für ihren Schmerz finden. In manchen Fällen hilft die Selbstverletzung Betroffenen sogar, einen Suizid zu verhindern, weil sie kurzfristig den inneren "Suiziddrang" senkt.
Weitere Gründe können sein: das Erzeugen positiver Gefühle, da bei einer Selbstverletzung Endorphine (Körpereigene Glückshormone) ausgeschüttet werden, was zu einer schnellen Erleichterung führt oder auch das Nachahmen, wenn das Verhalten z. B. bei Freund:innen oder in sozialen Medien gesehen wurde (Modelllernen).
Wichtig ist: Nicht alle Menschen verletzen sich aus den gleichen Gründen, und oft kommen mehrere Funktionen gleichzeitig zusammen. NSSV ist kein Versuch, sich wichtig zu machen oder andere zu manipulieren. Es ist ein Ausdruck davon, dass jemand innerlich leidet – und (noch) keine anderen Möglichkeiten gefunden hat, mit diesem Leid umzugehen.

